Skandinavistik studieren — oder doch lieber Finnougristik?

„Was ist denn bitte Skandinavistik? Und warum studiert man sowas?“ Das sind Fragen, mit denen sich ein Skandinavistikstudent oft konfrontiert sieht. Nachdem man sich wieder einmal den verwirrten Blicken gestellt hat und seine Studienwahl zum x-ten Mal erklären musste, ist man mit der Geduld natürlich irgendwann am Ende. Darum wird dieser Artikel sich genau mit diesen Fragen beschäftigen und bei dem einen oder anderen für ein bisschen Klarheit sorgen, auch falls der Studiengang für ihn/sie selbst im Raum steht.

Bild Henry
Henry, Skandinavistikstudent aus Kiel

Ich bin Henry, Werkstudent bei OBS!, und studiere seit 2020 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel Skandinavistik zusammen mit Empirischer Sprachwissenschaft im 2-Fach-Bachelor, das heißt: Beide Fächer sind in ihrer Gewichtung gleichwertig. Ich bin jemand, der Sprachen schon immer geliebt hat und sich gerne mit ihnen auseinandersetzt, deshalb wollte ich vor allem Empirische Sprachwissenschaft studieren. Als es dann um die Wahl des Zweitfachs ging, fiel mir die Skandinavistik ins Auge. Daran reizte mich am meisten, dass man im Rahmen des Studiums über die 6 Bachelor-Semester eine skandinavische Sprache erlernt, aber um ehrlich zu sein, hatte ich so gut wie keine Vorstellung davon, was in diesem Fach ansonsten auf mich zukommen würde.

Es stellte sich schnell heraus, dass deutlich mehr auf dem Programm stand als nur Sprachkurse, denn die anderen beiden großen Teilbereiche der Skandinavistik in Kiel sind die Mediävistik (also Wissenschaft des europäischen Mittelalters) und die Literaturwissenschaft. Das Sprachenlernen kommt jedoch nie zu kurz: In den ersten 3 Semestern finden die Sprachkurse 4 Stunden pro Woche statt, in Literaturwissenschaft werden zum Beispiel skandinavische Gedichte in Originalsprache analysiert und für Mediävistik ist das Erlernen des Altisländischen unerlässlich. Man kann sich zu Beginn des 1. Semesters entscheiden, ob man Schwedisch, Norwegisch, Dänisch oder Isländisch als Hauptsprache lernen möchte; ich habe mich damals für Schwedisch entschieden und bereue diese Entscheidung keine Sekunde lang. Im 3. Semester kommt noch die skandinavische Sprachwissenschaft dazu, worüber ich mich als Sprachliebhaber wirklich gefreut habe.

Was mir sofort auffiel in der Skandinavistik, waren die kleinen Kurse von höchstens 20 Leuten und das eher familiäre Miteinander, das sich stark von den Erzählungen meiner Bekannten unterscheidet, die viel größere Studiengänge besuchen.

Klar, Skandinavistik ist eher exotisch, darauf kommen nicht viele Menschen. Man kennt seine Kommilitonen nach einigen Wochen schon gut und wird von den Dozenten auch individuell betreut, wenn man mal nicht weiter weiß. Zusätzlich kann besser auf die Bedürfnisse von einzelnen Personen eingegangen werden und man bewegt sich nicht bloß als anonymer Student durch die Vorlesungen und Seminare. Auch durch Veranstaltungen wie das Midsommar-Fest und Lucia, die gemeinsam gefeiert werden, wird die entspannte Atmosphäre gefördert. Oder durch Angebote wie Exkursionen (zum Beispiel dieses Jahr nach Sønderjylland, Dänemark). Die meisten Studierenden in der Skandinavistik haben bereits eine persönliche Verbindung zu Skandinavien, etwa weil sie Verwandte in Dänemark haben oder einfach oft in Schweden im Urlaub waren. Bei mir war beides nicht der Fall, aber trotzdem wird man sehr freundlich aufgenommen und kann den Inhalten auch ohne Vorkenntnisse gut folgen.

Anta, eine der Norwegischlehrerinnen bei OBS!, studiert ebenfalls Skandinavistik, und zwar in Erlangen. Insgesamt gibt es 12 Orte1 in Deutschland, in denen dieser Studiengang angeboten wird. Für Anta stand bei der Studienwahl das private Interesse im Vordergrund: Sie hatte schon vorher privat Norwegisch gelernt und wollte nach dem Abitur eigentlich nach Norwegen gehen und dort studieren, allerdings war das wegen Corona nicht umsetzbar. Deswegen bot sich als Alternative das Skandinavistikstudium an, um wenigstens trotzdem etwas in Richtung Norwegen zu machen, in diesem Fall aber als Nebenfach. In Erlangen ist die Gewichtung nämlich ein wenig anders als in Kiel, denn dort gibt es die Aufteilung in Hauptfach und Nebenfach. Als Hauptfach studiert Anta Computerlinguistik und sie überlegt, für den Master dann endlich nach Norwegen zu gehen.

Ein weiterer Unterschied ist die deutlich kulturellere Ausrichtung des Studiengangs. Es gibt die Bereiche Literaturwissenschaften, Literaturgeschichte und Kulturgeschichte und man kann sich ab dem 3. Semester entscheiden, ob man lieber in Richtung Literatur oder Kultur gehen möchte. Aber auch in Erlangen wählt man zu Beginn eine Erstsprache, die für alle 6 Bachelor-Semester gelernt wird, in Antas Fall Norwegisch. Isländisch kann hier jedoch nicht als Erstsprache gewählt werden. Ab dem 5. Semester kommt dann noch eine Zweitsprache dazu, wobei Isländisch diesmal zur Auswahl steht, oder eben wieder Schwedisch, Norwegisch und Dänisch.

Laut Anta sollte man Skandinavistik vor allem studieren, wenn man ein Fan von Sprachen ist, da skandinavische Sprachen sich sehr ähnlich sind und man durch das Lernen einer dieser Sprachen eine hohe Kompetenz für die anderen Sprachen entwickelt. Außerdem wenn man es einfach interessant findet, sich mit der Kultur und Geschichte einer anderen Gesellschaft zu befassen. Auch in Erlangen gibt es wie in Kiel sympathische Kommilitonen und kleine Kurse.

Anta Bild
Anta, Skandinavistikstudentin aus Erlangen
Bild Mia
Mia, Doktorandin in der Finnougristik in München

Was aber könnte man studieren, wenn man sich doch eher für Finnland interessiert und für die finnische Sprache, die zu einer ganz anderen Sprachfamilie (der finnougrischen) gehört als Schwedisch, Norwegisch, Dänisch und Isländisch?

In dem Fall weiß Mia, eine der Finnischlehrerinnen bei OBS! (seit 2018), Bescheid: Sie hat in München nämlich Finnougristik studiert und promoviert gerade. Wenn man bisher gedacht hat, dass Skandinavistik ein Nischen-Fach ist, dann setzt die Finnougristik nochmal einen drauf, denn der Studiengang wird in Deutschland nur in München und Hamburg angeboten. Laut Mia waren sie am Anfang des 1. Bachelor-Semesters sogar nur zu dritt, von denen zwei den Bachelor schließlich beendeten.

In München liegt der Schwerpunkt auf dem linguistischen Aspekt, ist also wirklich was für Sprach-Enthusiasten. Inhalte wie Semantik, Lexikologie und Lexikographie stehen dort unter anderem auf dem Programm. Auch hier wird zu Beginn eine Hauptsprache gewählt, entweder Finnisch oder Ungarisch, die dann 6 Semester belegt wird, während einen die jeweilige Zweitsprache dafür 4 Semester begleitet. Wie in Erlangen gibt es hier die Hauptfach-Nebenfach-Verteilung.

Aber wie kommt man darauf, Finnougristik zu studieren? Mia ist Halbfinnin, jedoch nicht zweisprachig aufgewachsen. Um sich dennoch mit dem Land und der Sprache auseinanderzusetzen, bot sich die Finnougristik an. Empfehlenswert ist es laut ihr außerdem, Finnougristik zu studieren, wenn man einen „extrem schönen, fundamental linguistischen Studiengang“ sucht, der etwas exotisch, aber trotzdem europaorientiert ist und sich nicht mit den großen Sprachen Europas beschäftigt.

Und das größte Plus sind natürlich auch hier die Menschen: Die Kurse sind äußerst klein, bieten viel Raum für Diskussionen und Austausch, man wird enorm unterstützt von den Dozenten und es herrscht eine tolle Atmosphäre („wie eine kleine Familie“). Außerdem berichtet Mia, dass der Studienkoordinator der Finnougristik der einzige war, der am Ende des Vorgesprächs sagte: „Wir würden uns freuen, wenn du hier studierst.“

Beide Studiengänge sind also zu empfehlen, wenn man sich für Skandinavien und Finnland im Hinblick auf Sprachen, Kultur, Literatur und Geschichte interessiert und einfach in ruhiger, familiärer Atmosphäre studieren möchte.          

Hier kann man in Kürze mehr lesen zum Thema ,Was macht man nach dem Skandinavistikstudium?‘.

1 Die 12 Orte, an denen man Skandinavistik in Deutschland studieren kann, sind: Berlin, Bonn, Erlangen, Frankfurt a.M., Freiburg, Göttingen, Greifswald, Kiel, Köln, München, Münster und Tübingen.

Skandinavistik studieren — oder doch lieber Finnougristik?