Vier Monate Chirurgie in Finnland
Mikkelin keskussairaala, leikkausalue (OP Bereich), Oktober 2024. Vor der ersten OP des Tages stand ich am Getränkeautomaten des Pausenbereiches, und holte mir den zweiten Kaffee des Tages. Ich war seit mittlerweile sechs Wochen in Finnland, und gerade dabei meinen Kaffeekonsum den lokalen Gepflogenheiten entsprechend hochzuschrauben.Während mein maitokahvi einlief, kam eine der OP-Pflegerinnen auf mich zu und sprach mich an mit,,Mistä sinä olet kotoisin?“ ,,Saksasta“, antwortete ich ihr, aus Deutschland.,,Onko sinulla sukulaisia Suomessa?“ ,,Ei ole. Minä harrastan vain kieltä“, nahm ich ihre nächste Frage voraus, denn so oder so ähnlich wollte fast jeder wissen, wie ich es geschafft hatte, in Mikkeli zu landen.
Der Weg nach Finnland: Von der Idee zur Realität
Moi, minä olen Linda. Etwa 2020 habe ich angefangen Finnisch zu lernen. Ohne jemals vorher einen Bezug zu Land und Leuten gehabt zu haben, habe ich zunächst eigenständig, später über Sprachkurse an der Uni Göttingen (tausend Dank an Tiina Savolainen), rein aus Interesse Finnisch gelernt.
Als im letzten Jahr meines Medizinstudiums dann das Praktische Jahr (PJ) anstand, in dem unter anderem vier Monate Arbeit (ein sog. Tertial) in der Chirurgie Pflicht sind, kam mir der Gedanke, doch das Interesse für Sprache, Land, und Medizin zu verbinden. So beschloss ich, ein Krankenhaus in Finnland zu suchen, welches mich für vier Monate einsetzen könnte. Wie es mir dabei ergangen ist, und was ich aus dem Aufenthalt alles mitnehmen konnte, davon möchte ich hier berichten.
Schnell merkte ich, dass das gar nicht so einfach war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zunächst fragte ich die größeren Kliniken in Helsinki, Turku oder Kuopio an, nur um festzustellen, dass für ein dort erforderliches Erasmus-Semester die Fristen ein Jahr im Voraus schon abgelaufen waren. Aus der nicht sehr langen Liste aller finnischen Krankenhäuser, die die deutschen Auflagen für ein PJ Tertial erfüllen, schrieb ich letztendlich alle an. Von genau einem bekam ich Antwort, nämlich dem Mikkelin keskussairaala, kurz MKS. Es muss Anfang 2023 gewesen sein, dass ich zum ersten Mal Google Maps befragte, wo genau denn eigentlich Mikkeli liegt.
Die weitere Kommunikation verlief sehr entspannt, unmittelbar, und ich war erstaunt, als ich erfuhr, dass Medizinstudierenden (egal ob in- oder ausländisch) in Finnland für Praktika Geld gezahlt wird.
Während man in Deutschland für das Praktische Jahr, welches einem Vollzeit Job entspricht, je nach Klinik mit einem Stundenlohn zwischen drei und null Euro rechnen muss, wurde mir vom MKS genug Geld gezahlt, dass auch nach allen Abzügen noch genug für die Flüge und ein paar Tage Urlaub in Helsinki blieb. Auch dass das Krankenhaus mir ein WG-Zimmer stellen konnte, erleichterte einiges.
Arbeitskultur im Vergleich: Chirurgie in Deutschland und Finnland
Zwar hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten mit der finnischen Bürokratie, und musste mir oft genug Unterstützung suchen. Aber sei es die Hotline des Migri, die ich mehrmals kontaktierte, bevor ich verstand, was eine henkilötunnus ist und warum ich sie brauche, oder Bodo, der deutsche Anästhesist im MKS, der mit mir meine lähdeverokortti ausfüllte – von allen Seiten bekam ich schnelle und unbürokratische Hilfe bei allem, was anstand.
Dass das „Drum Herum“ wie die WG, der Papierkram und die Bezahlung so unkompliziert liefen, verstärkte nur den Gesamteindruck, der sich mir in der chirurgischen Abteilung insgesamt bot. Hierzu muss man (leider) zunächst den Kontrast zur Chirurgie in Deutschland herstellen. Ich möchte hier auf keinen Fall verallgemeinern, aber die operativen Fächer zählen in Deutschland vielerorts noch zu den stark männerdominierten Gebieten der Medizin. Hieraus folgt leider oft eine mangelnde Wertschätzung vor allem für weibliche Studierende oder Ärztinnen. Auch ich habe mir in chirurgischen Praktika in Deutschland sexistische Sprüche anhören müssen wie „dafür braucht man eben Kraft, das kannst du halt nicht“, oder „das Einzige, was Frauen gut können in der Chirurgie, ist das Zunähen, denn das ist ja wie Klamottenflicken“. Gleichzeitig herrscht oftmals ein starkes Konkurrenzdenken, da es nicht selbstverständlich ist, wann man an welchen Operationen teilnehmen darf. Lange Arbeitszeiten, oft 10 Stunden am Tag oder länger gehören schon für Studierende im PJ zum Alltag. Auch diese Art von Erfahrungen hat mich dazu bewogen, speziell für den chirurgischen Pflichtteil des PJs Deutschland zu verlassen.
Worauf ich in Finnland traf, hätte kein größerer Kontrast sein können. Zunächst hat mich erstaunt, wie ausgeglichen das Geschlechterverhältnis in der chirurgischen Abteilung war, nämlich in etwa genauso viele Ärztinnen wie Ärzte. Es herrschte ein durchweg respektvoller Umgangston in der Abteilung, und über mein gesamtes Tertial wäre mir kein einziger sexistischer Kommentar aufgefallen. Ein strukturierter OP-Plan sorgt im MKS dafür, dass es nicht vom persönlichen Gusto des Oberarztes abhängt, welche Assistenzärzte wann operieren, sondern es ist klar aufgeteilt, sodass alle den Fort- und Weiterbildungskatalog adäquat erfüllen können. Überstunden? Selten. Fort- und Weiterbildungen? Selbstverständlich Teil der Arbeitszeit.
Auch die Fehlerkultur, die dort vorgelebt wurde, habe ich in Deutschland selten so offen und hierarchiearm erlebt. Selbst weniger erfahrene Ärzte wurden ermutigt, ihre Meinung auch zu komplizierten Fällen einzubringen. Behandlungsentscheidungen, die von weniger erfahrenen Kollegen getroffen wurden, wurden grundsätzlich respektiert und wenn nötig vom oberärztlichen Personal so kritisiert, dass am Ende alle daraus etwas lernen konnten, ohne vor versammelter Mannschaft einzelne Personen für eventuell begangene Fehler anzuprangern. Wie erstaunt ich darüber war, zeigt vielleicht nicht nur, wie gut es in Finnland läuft, sondern auch wie viel besser es im deutschen Gesundheitssystem noch ginge.
Ein weiteres Beispiel hierfür ist die Krankenhaus IT etwas, worüber sich Menschen außerhalb des Gesundheitssystems vielleicht noch nie Gedanken gemacht haben. In Deutschland kann jedes Krankenhaus frei entscheiden, welche Software es zum Dokumentieren von Arztterminen oder stationären Aufenthalten, Behandlungen, Medikamentengaben und Operationen anwendet. Teilweise verwenden unterschiedliche Stationen im selben Krankenhaus unterschiedliche Systeme, was dazu führen kann, dass ein Arzt auf Station nicht nachlesen kann, was seine Kollegen in der hauseigenen Notaufnahme mit einem Patienten schon gemacht haben. Muss ein Patient von einer anderen Fachrichtung begutachtet werden, so muss der Auftrag hierzu oft noch handschriftlich verfasst und an die entsprechende Abteilung gefaxt werden.
Digitalisierung im Krankenhaus: Fortschritt, der den Alltag erleichtert
Einmal erzählte ich meiner finnischen Mitbewohnerin, dass wir an meinem vorherigen (deutschen) Arbeitsplatz eine Datenschutzerklärung an ein externes Krankenhaus faxen mussten, damit dieses dann MRT-Bilder eines gemeinsamen Patienten auf eine CD brannte und für diese CD ein Taxi bestellte, das die CD dann zu uns ins Krankenhaus fuhr. Sie fragte mich daraufhin (zu Recht), ob wir uns denn auch noch mit Modems ins Internet einwählen.
Das elegantere, übersichtlichere und meiner Meinung nach einfach bessere Modell wird in Finnland verwendet. Hier kann man mit jedem Rechner im Krankenhaus, egal ob in der Notaufnahme oder auf Station, auf alle Arztbriefe, Befunde und Konsultationsanlässe der Patienten zugreifen, die im gesamten Gesundheitsverbund erfasst wurden. Berichte anderer Gesundheitsverbände aus anderen Landesteilen können einfach ins System überspielt werden, aufgenommene Röntgen, CT, oder MRT-Bilder sind landesweit einsehbar.
Besser dokumentieren, besser behandeln: Ein Praxisbeispiel aus der Notaufnahme
Welche Erleichterung das bieten kann, zeigt sich besonders in der Notaufnahme. Wenn ein Patient zum Beispiel mit Bauchschmerzen zu mir kommt, dann habe ich als Arzt erstmal einige Fragen, die mir eine ordentliche, zugängliche Dokumentation beantworten kann, noch bevor ich den Patienten überhaupt gesehen habe. Nimmt mein Patient Medikamente ein? Wann war er das letzte Mal beim Arzt oder im Krankenhaus, und in welcher Abteilung? Wurde vor kurzem z. B. eine CT-Untersuchung gemacht, die ich als Vergleich heranziehen kann? Wenn ich aus einer vernünftigen Software herauslesen kann, dass meinem Patienten der Blinddarm entfernt wurde, muss ich ihn nicht auf eine Blinddarmentzündung hin untersuchen. Wenn ich herauslesen kann, dass mein Patient schon einmal Gallensteine hatte, werde ich ein besonderes Augenmerk auf seine Galle legen. Aber wie soll ich das wissen, wenn ich in der Notaufnahme arbeite und keinen Zugriff auf eventuelle OP-Berichte, Stationsbriefe oder Dokumente des Hausarztes habe? So traurig das klingt, das ist in Deutschland im Jahr 2025 nicht selbstverständlich.
Fazit: Menschlichkeit, Struktur und Zukunftsperspektiven
Mein Fazit: Finnland macht es vor, wie Gesundheitssystem besser gehen kann. Wie Effektivität Hierarchien und Hürden abbauen kann, und alles ein bisschen menschlicher macht. Es zeigt, dass es nicht weit weg von Deutschland Vorbilder gibt, an denen es sich zu orientieren lohnt. Im September werde ich an einer deutschen Klinik anfangen zu arbeiten. Der Gedanke, eines Tages auch als Arzt nach Finnland zu gehen, bleibt für mich bestehen.
Autorin: Linda Birgit Lechner
Der Artikel erschien zuerst im September 2025 in der Zeitschrift Deutsch-Finnische Rundschau.
Weiteres zum Thema Auswandern als Arzt/Ärztin:
In DIE ZEIT vom 26.11.2025 kann man einen Artikel zur Auswanderung eines Arztes nach Norwegen lesen: „Mit Nachtdiensten komme ich monatlich auf 6.500 Euro netto„. Die KI-Zusammenfassung lautet:
Auswandern ist für viele ein Traum, für Felix Lempp wurde er Realität: Der Medizinstudent zog mit seiner Familie nach Norwegen. In Bergen begann ihr Abenteuer, das sie schließlich nach Tromsø führte. Trotz finanzieller Herausforderungen und Sehnsucht nach Deutschland schätzt Lempp die besseren Arbeitsbedingungen und die Work-Life-Balance in Norwegen. Die Integration gelang gut, auch dank des flexiblen norwegischen Kinderbetreuungssystems. Lempp engagiert sich vor Ort politisch und fühlt sich inzwischen stark mit Norwegen verbunden. Trotz kleinerer Kritikpunkte schätzt er die Lebensqualität im skandinavischen Land und ermutigt andere Auswanderer, offen für neue Erfahrungen zu sein.
